Landesverband der Philatelisten in Sachsen-Anhalt e.V. im BDPh. e.V.

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Eine Zeitung mit Löchern in den Marken

Von Uwe Kraus, Halberstadt

Am 1. Oktober 1819 erschien mit dem „Neuhaldensleber Wochenblatt“ die erste Haldensleber Lokalzeitung. Ihr Gründer hieß Carl August Eyraud, der auf ein interessantes Druckerleben verweisen konnte. Er hatte hugenottische Vorfahren und folgte 1815 dem Ruf von Johann Gottlob Nathusius, einem der bekanntesten landwirtschaftlichen Unternehmer seiner Zeit, der sich um die Entwicklung der Landwirtschaft, des Handels und der Industrie verdient gemacht hat, nach Althaldensleben. Johann Gottlob Nathusius wollte, nachdem bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in München, Wien und Kassel erste Steindruckereianstalten entstanden, in Norddeutschland eine eigene etablieren. Für Carl August Eyraud richtete er 1815 im Hundisburger Schloss die erste komplette Steindruckerei im Norden ein. Die dazu benötigte Presse baute die Hundisburger Maschinenfabrik. Nathusius, der als Pionier der deutschen Industrie gilt, ließ hier Verkaufsprospekte und das Verrechnungsgeld seines aus rund 30 Einzelunternehmen bestehenden Konzerns drucken. Eine zweite Druckerei ließ Nathusius nach Angaben von Elsbeth von Nathusius auf Wunsch der preußischen Regierung in Halberstadt errichten und eine dritte wurde in seinem Auftrag von einem seiner Angestellten in Berlin gegründet.
Warum Johann Gottlob Nathusius jedoch seine Hundisburger Druckerei aufgab, darüber gibt es keine verlässlichen Angaben. Eyraud etablierte sich aber 1817 mit seine eigene „Lithographische Anstalt“ in Neuhaldensleben. Dort hatte er seit 13. Mai 1816 das Bürgerrecht. Die lukrativen Druckaufträge der Nathusius'schen Fabrik- und Manufacturanstalten zu Althaldensleben blieben ihm jedenfalls. Am 1. September 1819 kündigte Eyraud die Herausgabe seines „Neuhaldensleber Wochenblattes“ an. Es kostete ohne Zeitungsstempelsteuer einen Reichstaler pro Jahr. Es wurde Sonnabend im Sommer um 7 Uhr und im Winter eine Stunde später zugestellt.
Die ersten Jahrgänge produzierte Carl August Eyraud im Steindruckverfahren. Somit galt das Blatt als die einzige Zeitung in Deutschland, die nicht im Buchdruckverfahren entstand. Auf den von seinen Nachfahren verwendeten Postkarten taucht aber auch das (nicht korrekte) Gründungsjahr 1820 auf. 1825 ging man zum Buchdruck auf einer Handpresse über.
Carl August Eyraud, der bis 1844 an der Unternehmensspitze stand, stellte in seiner Kunstanstalt nicht nur dekorative Blätter und Landkarten her, sondern gab 1824 und 1826 auch die illustrierte Kreischronik von Peter Wilhelm Behrends heraus. Eyraud richtete 1820 eine öffentliche Leihbibliothek mit anfangs 1.000 Bänden ein, deren Bestand 1825 schon auf 3.000 Bände beziffert wurde. Seine später kurz „Wochenblatt (amtliches Kreisblatt) genannte Zeitung publizierte Behörden-Bekanntmachungen, Privatanzeigen und belehrende oder unterhaltende Artikel sowie Heimatgeschichte aus Haldensleben und dem Umland. Politisiert hat man anfangs nicht. Später galt es als bürgerlich ausgerichtetes Blatt. Das Verbreitungsgebiet erweiterte sich im Zuge der 1848er Revolution, die in der Stadt keine nachweislichen Spuren hinterließ. 1849 erschien das Wochenblatt für die Kreise Neuhaldensleben, Gardelegen und Wolmirstedt. 1879 kam sogar der damals Braunschweigische Amtsbezirk Calvörde hinzu.

Marken mit Löchern 1

1912/1913 hatte das „Wochenblatt – Tageszeitung und Generalanzeiger“ nach eigenen Angaben 6000 Exemplar Auflage. Die Anzeigenzeile kostete damals 10 (1912) bzw. 12 Pfennig (1913). Da war das Familienunternehmen aber bereits erloschen, nachdem am 1. April 1903 Georg Eyraud, der Enkel des Gründers, der seit 1882 das Geschäft führte, gestorben war. Das „Wochenblatt – Haldensleber Tageszeitung“ selbst existierte bis zum 125. Jahrgang 1943.
Philatelistisch besonders interessant machen zwei Rechnungskarten des „Wochenblattes“ die verwendeten Briefmarken. Die Germania-Marken sind mit Firmenlochung versehen. Die Lochung EYRAD verläuft einmal diagonal von oben rechts nach unten links und das andere Mal umgekehrt. Derartige Durchlochungen wurden während einer ziemlich langen Periode von Firmen und Behörden in deren Briefmarken als Diebstahlschutz angebracht. Wie lange es die Eyraud-Nachfahren bzw. der spätere Eigentümer Walter Schwirkus taten, ist bisher nicht über die Karten von 1912-1914 hinaus belegt.
Der ArGe Lochungen liegen in ihrer Forschungssammlung zwei weitere Belege vor, teilte deren Vorsitzender Alfred Wirth mit.

Marken mit Löchern 2

Wer einen Brief oder wie hier eine Karte von einer Privatperson mit einer perforierten Marke erhielt, konnte sich ziemlich sicher sein, dass der Absender die Marke aus den Beständen seines Arbeitgebers gestohlen hatte. Derartige auch durch das Kunstwort „Perfin“ (Perforated Initials/gelochte Initialen) gekennzeichnete Marken sind im Pressewesen relativ wenig überliefert. Und wenn, dann handelte es sich nicht um ein kleines Blättchen wie das von Eyraud gegründete, sondern um die „Wiener Zeitung“, die „Kölnische Zeitung“ oder Ullsteins „Vossische Zeitung“.
Biografische Quellen: Sieglinde Bandoly, Jahresschrift der Museen des Ohrekreises, Band 5, 1998

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