Landesverband der Philatelisten in Sachsen-Anhalt e.V. im BDPh. e.V.

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Wie der Tag der Briefmarke entstand

Von Dr. Horst Schmollinger, Berlin

Der Anlass für die Idee, einen Tag der Briefmarke zu veranstalten, war die Berliner internationale Briefmarkenausstellung IPOSTA 1930. Ehrenwerte Berliner Philatelisten wären wegen der organisatorischen Uneinheitlichkeit und - innerhalb bestehender Vereine und Verbände - fehlender organisatorischer Strukturen fast daran gescheitert, dieses Projekt durchzuführen. Finanzielle Ressourcen und arbeitsorganisatorische Unterstützung waren unter diesen Voraussetzungen für die IPOSTA nicht zu sichern. Der Vorsitzende des Ausstellungsausschusses, Prof. Dr. Erich Stenger, hatte schon seinen Rücktritt und das Scheitern des Projektes angekündigt, als die rettende Idee realisiert wurde: die Zusammenfassung der Vertreter der wichtigsten regionalen philatelistischen Vereine und Verbände und der Händler im Arbeitsausschuss für die IPOSTA; das war im Grunde die vorweggenommene Einheitsorganisation der Briefmarkensammler und Philatelisten in Berlin.
Hans v. Rudolphi (2. Juli 1884 - 6. Mai 1944) war der Leiter der Geschäftsstelle der IPOSTA. Noch in Nachbereitungssitzungen dieser erfolgreichen internationalen Veranstaltung 1930/31 betonte er die Notwendigkeit, die bestehenden Organisationen und die nicht organisierten Sammler in einer Einheitsorganisation zusammenzufassen und zur Stärkung des Zusammenhaltes unter ihnen wie zur außenwirksamen Werbung einen Tag des Briefmarkensammlers abzuhalten. Diese Idee wiederholte er im Dezember 1933 auf dem Gründungstag des Verbandes Berlin im Bund Deutscher Philatelisten-Verbände im In- und Auslande (Bund), der nun wenigstens auf Berliner regionaler Ebene der Startschuss zur Einheitsorganisation der Briefmarkensammler und Philatelisten sein sollte. Und er propagierte dort auch wieder den Tag des Briefmarkensammlers als einigendes Band.
Der gesellschaftliche Hintergrund für diese Gedanken und Aktionen waren die Folgen der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts für die Vereine und Verbände der Briefmarkensammler, die massive Mitgliederverluste und gar das Verschwinden manches Vereins nach sich zogen. Werbung mit Außenwirksamkeit war das Konzept, die Verluste zu mildern oder sie gar auszugleichen.
Der organisationspolitische Hintergrund war zum einen die Binnenorientierung der Verbände der Briefmarkensammler und Philatelisten. Auf den Bundestagen erledigten sie die Vereinsgeschäfte und auf den Philatelistentagen erörterten sie fachliche Fragen, beides mit nahezu identischer Teilnehmerschaft und ohne große öffentliche Wirkung. Zum anderen: Die regionalen Verbände des Bundes - Pfeiler genannt - hatten keine organisatorischen Strukturen, sie dienten den Vereinen nur als Zweck zur Mitgliedschaft im Bund, der ein Verband von Verbänden war. Das waren unzureichende Strukturen zur Erreichung von Organisationszwecken.
Die auf dem Gründungstag des Verbandes Berlin am 14. Dezember 1933 von Hans v. Rudolphi vorgetragene Idee vom Tag des Briefmarkensammlers wurde publiziert. Edwin Mueller präsentierte sie den Lesern des „Postwertzeichens“ im Januar 1934 und kommentierte sie kongenial zu v. Rudolphis Konzept. Was dort veröffentlicht worden ist, war ein Konzept, das die Entstehung und die Entwicklung des Tages der Briefmarke bis heute bestimmt und begleitet.
Das Konzept für das Fest - noch unter wechselnden Bezeichnungen - war geprägt von der Verbindung innerverbandlicher Kommunikation einerseits mit Öffentlichkeitsarbeit und public relations andererseits. Mithin verknüpfte es die Vorstellung der Stärkung des Zusammenhalts unter den Philatelisten nach innen sowie die der Werbung für die Organisation und ihren Zweck, das Briefmarkensammeln und die Philatelie, nach außen.

1934-vRudolphi-Schmollinger

Dieser beabsichtigte Zusammenhang von Binnen- und Außenwirkung wird auch bei der Implementierung des Festes erkennbar. Zur Beschlussfassung auf dem Bundestag in Danzig 1934 legte v. Rudolphi zwei Entscheidungsvorlagen vor: die Einführung eines Tages des Briefmarkensammelns und die Einrichtung einer Bundesstelle für Werbung und Propaganda. Beides wurde beschlossen, mit beidem wurde v. Rudolphi beauftragt.
Ausgestattet mit diesem Votum begann v. Rudolphi mit einer Umfrage unter den regionalen Verbänden über die organisatorischen Details zur Realisierung des Tages, die er im April 1935 dem Ausschuss des Bundes vortrug, dem Arbeits- und Entscheidungsgremium des Bundes zwischen den Bundestagen. Was Edwin Mueller 1934 veröffentlicht hatte, blieb in v. Rudolphis Vortrag erhalten. Zugleich erklärte er dezidiert, die Veranstaltung solle im Herbst jedes Jahres dezentral stattfinden, an einem Tag, der nach den regionalen Gegebenheiten auszusuchen sei.
Als die österreichischen Philatelisten im Juni 1935 entschieden, den Tag der Briefmarke in Wien am Ausgabetag von Wohlfahrtsmarken am 1. Dezember 1935 zu veranstalten, geschah dies also in Übereinstimmung mit dem damaligen Stand der Diskussion.
Auf dem Bundestag in Mainz im August 1935 erhielt die Idee vom Tag der Briefmarke, so die vorgesehene Bezeichnung jetzt, einen nationalen Akzent: Das Fest der Briefmarkensammler und Philatelisten wurde zum Tag der deutschen Briefmarke und sollte an einem Tag an vielen Orten stattfinden, und zwar am Geburtstag von Heinrich v. Stephan, am 7. Januar 1936, und mit einheitlicher Gestaltung der Veranstaltungen. Die österreichischen Philatelisten blieben bei ihrem Beschluss, im Wesentlichen deshalb, weil sie einerseits aus Gründen der public relations den Zusammenhang zum Ausgabetag ihrer Wohlfahrtsmarke erhalten wollten und andererseits weil sie in der umsatzstärkeren Vorweihnachtszeit bessere Erträge für ihre und der Händler Produkte erhofften.
Mit dem in Mainz beschlossenen Veranstaltungskonzept und einem ersten erfolgreichen Tag der Briefmarke in Deutschland am 7. Januar 1936 im Rücken, reisten Vertreter der deutschen Philatelisten 1936 zum Kongress des internationalen Philatelisten-Verbandes - Fédération Internationale de Philatélie (FIP) - nach Luxemburg und waren erfolgreich. Den Mitgliedsländern der FIP wurde empfohlen, alljährlich am Sonntag nach dem Geburtstag Heinrich v. Stephans einen Tag der Briefmarke abzuhalten. Österreich stimmte dagegen, nicht weil es gegen die Einführung des Tages war, sondern weil es die Terminierung ablehnte.
Der Termin war international nicht zu halten. Schon auf dem FIP-Kongress 1937 in Paris wurde beschlossen, die Mitgliedsländer der FIP sollten den Zeitpunkt nach den Gegebenheiten in ihren Ländern selbst festlegen. Dieser Beschluss war schon deutlich geprägt von der Gegnerschaft vieler Mitgliedsländer zum nationalsozialistischen Deutschland. Dort hatte die NSDAP inzwischen auch das Briefmarkensammeln und die Philatelie für die kulturelle propagandistische Begleitung ihrer politischen Ziele verpflichtet. So wurde auch der Tag der Briefmarke im NS-Regime ein völkisches Propagandainstrument und ein Anlass zur Geldbeschaffung für das Winterhilfswerk und später auch den Kulturfonds Adolf Hitlers.
Doch das beeinträchtigte die internationale Akzeptanz kaum, denn die Philatelisten in anderen Ländern eigneten sich v. Rudolphis Ursprungs-Idee ohne den ihr in Deutschland nun mitgegebenen völkischen Akzent an. Die Niederländer gehörten zu den ersten, die den Termin am Geburtstag v. Stephans ablehnten und den Tag - wie ursprünglich gedacht - im Oktober feierten. Die Franzosen nutzten den Tag der Briefmarke zur Werbung für den Widerstand gegen die Pläne der Besatzer eines Teils ihres Landes, eine nationalsozialistisch dominierte europäische Philatelisten-Organisation gegen die FIP zu bilden: Restons groupés, zusammenzuhalten und zu widerstehen, war ihre Parole zum Journée du Timbre 1942. Und 1945 feierten sie den Tag der Briefmarke vielerorts auch als Tag der Befreiung.
Das ursprüngliche Konzept v. Rudolphis, wie es Mueller der philatelistischen Fachöffentlichkeit vorgestellt hatte, hat sich in der Philatelisten-Welt als kommunizierbar und durchsetzungsfähig erwiesen. Seit den Entscheidungen in Luxemburg und in Paris ist der Tag der Briefmarke in über 120 Staaten durchgeführt worden. Bis heute gehört er zum gesicherten Veranstaltungstermin der Philatelisten in aller Welt. Die Postverwaltungen begleiten ihn mit Briefmarkenausgaben und Sonderstempeln.
Die in Deutschland geborene Idee lag nahe und fand in Hans v. Rudolphi einen international geachteten Philatelisten als Initiator und in Edwin Mueller einen anerkannten Unterstützer. Beide formulierten ein Konzept für den Tag der Briefmarke, das seinen Weg von Deutschland aus in die ganze philatelistische Welt machte.

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